CLASSIS

Serie | work in progress

since 2013


Die Architektur der Gegenwart hat sich von den Ideen verabschiedet, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts Gültigkeit besaßen. Als stillistisches Charakteristikum unserer Zeit gilt, das es eben keinen klaren, eindeutigen Zeitstil mehr gibt, dem man sich heutzutage vorbehaltslos anschließen könnte.

Dieser Tatsache steht jene herausragende, kaum vorstellbare zivilisatorische Leistung gegenüber, die als KLASSISCHE ARCHITEKTUR in die Geschichte eingehen konnte. Über einen Zeitraum von mehr als 2500 Jahre haben die Ideen der griechisch-römischen Antike alles Bauen geprägt. Bis zum Beginn der Moderne konnten sich über alle Epochen – selbst im Mittelalter und Barock – jene klassischen Vorstellungen durchsetzen, die von den Griechen so genial erdacht, von den Römern technisch weiterentwickelt und von den Künstlern der Renaissance so geschickt interpretiert wurden.

>Das Wesen klassischer Architektur ist in einem eher philosophischen Leitbild zu finden, da die grundlegenden Vorstellungen keinem starren System gehorchen, sondern einer Idee, die erstaunlich auslegungsfähig ist<, so der Künstler.

[…] >Die Grundsätze alles Klassischen können aber nur visuell erfasst und damit verinnerlicht werden […] Jenseits des charakteristischen Formenkanons – bestehend aus Giebel, Bogen, Säule, Kupel, Dekor usw. – ist es die tektonische Rafinesse, jene Geschlossenheit, Erhabenheit und Zeitlosigkeit die aller klassichen Architektur innewohnt […] und abseits jeder subjektiven Wahrnehmung und jeder ästhetischen Theorie sind es immer wieder jene beiden Qualitäten, die als maßgeblich für die große Idee der klassischen Baukunst gelten können: Ordnung und Schönheit.<

[…] >Die geordneten Proportionsverhältnisse, die sich niemals einem Gesetz oder einer Regel unterwerfen, sondern immer nur dem jeweiligen Gebäude und Funktionstyp dienen, und der Rhytmus – das Spiel zwischen Spannung und anschließender Auflösung – sind es, die jene mustergültige Schönheit erzeugen. Und am Ende bleibt jedesmal ein ehrfürchtiges Staunen über diese Einfachheit und Vollendetheit, der weder etwas hinzugefügt noch weggenommen werden kann.<

Alexander Brüll versucht seit 2013 jenem klassischen Geist nachzuspüren, der sich länger als jedes politisches System behaupten konnte und sogar noch in unsere Zeit hineinwirkt, da sich selbst in manchen Gebäuden der Gegenwart klassische Züge spüren lassen.

Dass unsere Spezies in 2500 Jahren auf ein ähnlich lange währendes und so bestimmendes Kunstphänomen wie die Klassische Architektur zurückblicken kann, darf bei dem atemberaubenden Tempo der menschlichen Selbstauslöschung aber angezweifelt werden. Allerdings lässt der historische Aspekt, dass maßgebliche ideele und kulturelle Konzeptionen meist an gesellschaftlichen Bruchlinien und in Krisenzeiten entstehen, trotzdem auf Besseres hoffen.